Wie ich Zeitung lese.

July 21st, 2011 by konrad Leave a reply »

Eine der Sen­dun­gen, die mir im Deutsch­land­ra­dio den meis­ten Spass besche­ren, ist die Pres­se­schau. Nicht auf ein spe­zi­el­les Pro­dukt fest­ge­legt zu sein, son­dern mal von hier und mal von da einen guten Gedan­ken prä­sen­tiert zu bekom­men, das ist für mich eine ange­nehme und kurz­wei­lige Art des Umgangs mit jour­na­lis­ti­scher Bericht­er­stat­tung.
Bei mei­nem Ritual, auch selbst „Zei­tung zu lesen“ ertappe ich mich, wie ähn­lich zur Pres­se­schau auch mein eige­nes Her­an­ge­hen an schrift­li­chen Jour­na­lis­mus gewor­den ist. übri­gens, damit wir uns nicht falsch ver­ste­hen: dass ich eine Zei­tung aus Papier kaufe ist ein Ereig­nis mit Sel­ten­heits­wert. Schrift­li­cher Jour­na­lis­mus fin­det bei mir tat­säch­lich rein elek­tro­nisch statt. Und bei allem Ver­ständ­nis für Argu­mente um den Umwelt­schutz, bei mir hat es rein prak­ti­sche Gründe.
Zei­tung­le­sen, das bedeu­tet bei mir: Tags­über den Twitter-Client öffent­li­chen, oder zumin­dest immer mal wie­der in meine Time­line zu sehen – Dort folge ich durch­aus eini­gen Ver­lags­an­ge­bo­ten. Wenn ich von einem Arti­kel lese, der mich inter­es­sie­ren könnte, wan­dert der Link dar­auf in mei­nen Instapaper-Account. Und abends, da nutze ich ent­we­der iPad oder iPhone um zumin­dest stück­chen­weise zu lesen, was ich tags­über so abge­legt habe. Manch­mal ver­fasse ich Kom­men­tare, manch­mal leite ich Links wei­ter: ich nehme mit die­sem Arti­keln am Social Web teil. Durch die Online-Angebote lese ich Arti­kel in vie­len Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten, die ich sonst nie in der Hand hätte: taz, FAZ, Süd­deut­sche, Spie­gel Online, Zeit, Cicero, New York Times, Finan­cial Times Deutsch­land: sie alle gehö­ren zu den Quel­len, aus denen sich mein Insta­pa­per speist. (übri­gens ist es oft­mals so, dass sich bei den inter­na­tio­na­len Pro­duk­ten die Arti­kel mit weni­ger Klicks in les­ba­rer Art und Weise spei­chern las­sen, weil man nicht erst umständ­lich auf eine Druck­ver­sion zugrei­fen muss, von der aus man aber trotz­dem nicht aus­dru­cken möchte.) Ich finde, es berei­chert mein Leben und ver­schafft mir ein dif­fe­ren­zier­te­res Bild von der Welt. Natür­lich spei­sen auch andere Quel­len mein Konto: ein­zelne Blog Pos­tings, die Huf­fing­ton Post, Heise Online aber auch ein­zelne Thre­ads auf Google Plus lan­den auch alle in mei­ner Samm­lung für den Abend.
Ich kann mir, ehr­lich gesagt, auch gar nicht mehr so rich­tig vor­stel­len, Zei­tung über­wie­gend auf Papier zu lesen: Zu unhand­lich ist das For­mat im Ver­gleich zu den elek­tro­ni­schen Lese­ge­rä­ten, zu pas­siv das Medium: ich kann nicht schnell mal nach Din­gen goog­len, ich kann mir nicht rele­vante Aus­schnitte irgendwo hin­ko­pie­ren, ich kann keine Ver­weise wei­te­ge­ben: Papier ist doof. Ich muss aber auch zuge­ben: ich nutze diese Ange­bote nur, wo sie leicht zugäng­lich und gra­tis sind. Die ipad-Apps von Zeit und FAZ mögen viel­leicht gut sein, aber ich will keine Abos für die Zei­tun­gen abschlies­sen. Ich will mich nicht mal dafür regis­trie­ren müs­sen. Wenn die Links nicht an mir vor­bei­schwim­men und ich den Text nicht von dort aus mit dem Werk­zeug mei­ner Wahl (und das ist ein wich­ti­ger Punkt!) lesen kann, dann hat der Ver­lag mich als Leser ver­lo­ren. Und darum geht es doch: die Auf­merk­sam­keit des Lesers. Seit Insta­pa­per und iphone lese ich mehr Zei­tung als je zuvor: sowohl, wie­viel Zeit ich für die Zei­tun­gen auf­wende, als auch wie­viele ver­schie­dene Zei­tun­gen ich lese. Das soll­ten doch für die Ver­lage eigent­lich gute Nach­rich­ten sein, alleine schon wegen der Ziel­gruppe. Jetzt müs­sen sie nur noch einen Weg fin­den, ein trag­fä­hi­ges und markt­wirt­schaft­li­ches Kon­zept zu erar­bei­ten, wie sie damit Geld ver­die­nen können.

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14 comments

  1. Ka-Jo says:

    Hallo, guten Mor­gen, darf ich aus die­sem Blog­bei­trag eine län­gere Pas­sage, evtl. auch den gesam­ten Bei­trag, zitieren?

    Schöne Grüße, Ka-Jo (Weil­bur­ger Nachrichten)

  2. Dirk Moebius says:

    Ah, noch jemand, der die Pres­se­schau des dlf mag!
    Es ist ja nicht nur so, dass man unmo­eglich alles abon­nie­ren koennte, um dann sel­ber durch­zu­blaet­tern; es ist auch so, dass dort (sub­jek­tive) Exo­ten wie z.B. der Trie­rer Volks­freund oder die Luen­e­bur­ger Lan­des­zei­tung auf­tau­chen, Regio­nalb­laet­ter, die man sonst gar nicht auf dem Schirm hat.

  3. Marc says:

    Damit gehe ich völ­lig d’accord.
    Es ent­spricht auch der Ver­än­de­rung mei­nes Lese­ver­hal­tens. Ich glaube sogar, dass auf diese Weise mehr Men­schen Arti­kel lesen. Ins­be­son­dere Jugend­li­che, wel­che ansons­ten kaum zu einer gedruck­ten Zei­tung greifen.

    Ein Gedanke zum Geschäfts­mo­dell der Her­ren Ver­le­ger: Pay by view über die Tele­fon­rech­nung nach eige­ner Bestä­ti­gung) für (ver­tie­fende) Ein­zel­ar­ti­kel. Zb 9 oder 29 oder x Cent könn­ten sich über die Masse durch­aus rechnen.

    Wofür ich dann im übri­gen nicht zah­len würde, wären aller­dings nur kopierte dpa/etc Arti­kel. ;)

  4. Jens Wandersleb says:

    Scheint (haupt­säch­lich) eine Gene­ra­tio­nen­frage zu sein, wie man Zei­tun­gen liest. Wie alt sind Sie?

  5. Dominik says:

    Sehe ich ähn­lich. Der Kon­sum von digi­ta­len Nach­rich­ten ist prak­ti­scher, viel­sei­ti­ger und auch ein­fach beque­mer. Jeder, der ein­mal ver­sucht hat ‚Die Zeit‘ in einem engen Zug­ab­teil zu lesen, wird dem beipflichten.

    Was ich nicht ganz nach­voll­zie­hen kann, ist dein Unwille dich für die Ange­bote zu regis­trie­ren oder zu bezah­len. Gerade Apps sind sehr ent­wick­lungs­in­ten­siv und kos­ten Geld. Gleich­zei­tig möchte kei­ner ein von Wer­bung gepräg­tes Lese­ver­gnü­gen auf dem iPad haben.

    Die Pro­duk­tion jour­na­lis­ti­scher Inhalte kos­tet Geld und brin­gen dem Kon­su­men­ten einen Mehr­wert. Wie in jeder ande­ren Bran­che muss er also auch dafür einen ange­mes­se­nen Preis zahlen.

  6. milhouse says:

    Wür­dest du denn eine Art Insta­pa­per mit Wer­bung (von der die jewei­li­gen Zeit­schrif­ten pro­fi­tier­ten) akzeptieren?

  7. Stefan says:

    Ich ver­stehe nicht ganz. Die App der FAZ auf mei­nem iPad hat weder eine Regis­trie­rung ver­langt noch musste ich ein Abo abschlies­sen. Ich kaufe ein­fach nur die Aus­ga­ben, die ich lesen will. Wenn ich mal keine Zeit habe (pas­siert oft genug) kaufe ich eben keine Aus­gabe. Das ganze sogar güns­ti­ger als die Printausgabe.

    Mei­ner Mei­nung nach ist die FAZ die bis­her beste Zeitungs-APP im gan­zen Store.

  8. konrad says:

    Ja, das ist defi­ni­tiv ein guter Punkt: ich habe auch schon Arti­kel aus regio­na­len Blät­tern in mei­nem Stream gehabt, die ich sonst nie gele­sen hätte. Und zwar sowohl in Deutsch­land als auch international.

  9. konrad says:

    Ich bin Bau­jahr 1973.

  10. konrad says:

    So sehr ich den Run der Ver­lage auf Apps nach­voll­zie­hen kann – und so gerne ich auch glaube, dass die sogar grosse Bud­gets in die Ent­wick­lung ihrer Apps und der flan­kie­ren­den Maß­nah­men ver­sen­ken: für mich ist das nicht rele­vant, und in mei­nen Augen geht das auch gegen genau das, was für mich das Lesen online aus­macht. Ich glaube, da schreibe ich gleich noch etwas aus­führ­li­cher zu.

  11. konrad says:

    Inter­es­sante Fra­ge­stel­lung. Das kommt bei mir per­sön­lich sehr stark dar­auf an, wie gut die App an sich ist (Insta­pa­per ist in mei­nen Augen schon sehr, sehr gut) und wie wenig oder stark sich die Wer­bung auf­drängt. Inter­sti­ti­als sind mir ein Gräuel; wie Apple das mit den iAds gelöst hat finde ich recht erträg­lich. Wer­bung alleine muss da aber gar nicht der ein­zige Umsatz­brin­ger sein – auch Part­ner­pro­gramme für z.B. Ama­zon, mit ent­spre­chen­den Emp­feh­lun­gen oder ver­tie­fen­der Lite­ra­tur mag auch gar kein schlech­ter Plan sein :-)

  12. Hendrik says:

    Inter­es­san­ter Ein­blick. Für mich ist die gedruckte Zei­tung nach wie vor Mit­tel der Wahl. (Selbst die „Zeit“ kann man beherr­schen, aber es stimmt, dass das ein biss­chen müh­sam ist.) Ich habe es am liebs­ten, mir tage­weise wech­selnd eine andere, z.T. auch exo­ti­sche Zei­tung in ihrer Gesamt­heit anzu­eig­nen. Aus­schnitte heb ich mir auf, Ver­weise kann ich trotz­dem wei­ter­ge­ben. Viel­leicht ist das digi­tale Quer­le­sen auch mit dem Musik­kon­sum ver­gleich­bar? Der eine hört Sin­gles, der andere Alben :-) ach ja, Bau­jahr 1981.

  13. Thomas N. says:

    Hallo!

    Ich muss aber auch zuge­ben: ich nutze diese Ange­bote nur, wo sie leicht zugäng­lich und gra­tis sind.„
    Dafür gibt es ein Wort: Geiz. Dass gute jour­na­lis­ti­sche Ange­bote finan­ziert wer­den müs­sen, geht in der Mei­nungs­ma­che unter.

    Ein trag­fä­hi­ges Gegen­an­ge­bot Ihrer­seits gibt es ja nicht — statt­des­sen nur sinn­freie For­de­run­gen à la „Jetzt müs­sen sie nur noch einen Weg fin­den, ein trag­fä­hi­ges und markt­wirt­schaft­li­ches Kon­zept zu erar­bei­ten, wie sie damit Geld ver­die­nen können.“

    Wenn Leser, die das Zei­tungs­an­ge­bot gut fin­den, dafür gar nicht zah­len wol­len, ist es nicht ver­wun­der­lich, dass Qua­li­tät auf der Stre­cke bleibt.

    (Ich selbst bin übri­gens nicht älter als der Autor.)

  14. Volker says:

    Hi,

    Ich kann Dir nur zustim­men, sogar beim Bau­jahr :-)

    Ich habe nur noch eine Form von Abos — RSS-Feeds. Pad­apps hatte ich aus­pro­biert, das Kil­ler­kri­te­rium ist für mich aller­dings die Nut­zung von Rea­dit­la­ter oder Insta­pa­per. Zei­tungs­apps schei­tern genau daran, ich möchte oder kann nicht jede Arti­kel sofort lesen.

    Zei­tung­le­sen heisst für mich heute: Ree­der mit mei­nen Feeds auf­klap­pen, man­ches lese ich sofort, das meiste aller­dings wan­dert in Rea­dit­la­ter und wird abends in Ruhe gele­sen.
    Dazu inter­es­san­tes aus Twit­ter, Zite und Flipboard.

    Guter Con­tent ist wert­voll, die Zei­tung als Con­tent­com­pi­ler ist für mich auf dem Weg ins Geschichtsbuch.

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