Vroniplag vs Chatzimarkakis

July 11th, 2011 by konrad Leave a reply »

Schon seit Tagen läßt mich die Fern­seh­dis­kus­sion bei Anne Will, an der Anke Domscheit-Berg und Geor­gios Chat­zi­mar­ka­kis teil­ge­nom­men haben, nicht los. Ins­be­son­dere der Schlag­ab­toausch, als es um die Anony­mi­tät der Vroniplag-Teilnehmer ging, die dem FDP-Mandatar offen­sicht­lich so sehr ein Dorn im Auge ist.

Ich ver­mute – und wahr­schein­lich ist das Frau Domscheit-Berg auch sehr wohl klar – dass wir hier genau den Kern des Miss­ver­ständ­nis­ses zwi­schen den aktu­el­len poli­ti­schen Man­da­ta­ren und den im Netz sozia­li­sier­ten. Und auch die Jour­na­lis­ten hat­ten an die­sem Punkt augen­schein­lich noch nicht ver­stan­den, warum die Iden­ti­tät der ein­zel­nen Recher­cheure irre­le­vant ist – so, wie letzt­lich für den Linux-Kernel oder ein belie­bi­ges ande­res offe­nes und klar abge­grenz­tes Online-Projekt auch irre­le­vant ist, wel­che kon­kre­ten Per­so­nen sich zu jedem belie­bi­gen Zeit­punkt daran betei­li­gen. Denn: es geht dabei nicht darum, eine sub­jek­tive Mei­nung zu ver­kün­den oder mit sei­nem Namen für gewisse Aus­sa­gen ein­zu­ste­hen, wie es das Selbst­ver­ständ­nis des kom­men­tie­ren­den Jour­na­lis­mus ist. Und letzt­lich: bei dpa-Meldungen inter­es­siert auch der kon­krete Ver­fas­ser ähn­lich stark, wie es für Par­la­ment­s­pro­to­kolle rele­vant ist, wel­cher Ste­no­ty­pist gerade Dienst hatte. Wenn also Spreng sagt, dass Jour­na­lis­ten davon Leben, mit ihrem Namen für etwas ein­zu­ste­hen, befleis­sigt er sich auch eines ein­ge­schränk­ten Bli­ckes auf die eigene Zunft. Von Volon­tä­ren und Prak­ti­kan­ten, die z.B. Achiv­re­cher­chen durch­zu­füh­ren haben und dafür nicht nament­lich genannt wer­den, jetzt ganz geschwie­gen. Es geht in die­sen kon­kre­ten Fäl­len darum, eine klar umris­sene, voll­stän­dig nach­voll­zieh­bare und in gewis­sem Sinne fast mecha­ni­sche Arbeits­leis­tung zu erbrin­gen. Bei der Pla­gi­ats­re­cher­che kann man, sicher über­zeich­nend, schon fast von einer intel­lek­tu­el­len Fliess­band­ar­beit spre­chen. Selbst wenn man um die kon­kre­ten han­deln­den Per­so­nen wüsste, so änderte dies nichts an der Bewer­tung der gemein­sam erbrach­ten Arbeitsleistung.

Diese Kul­tur der „Schwarm-Intelligenz“, die das Netz als eigen­stän­dige, neue Form der Arbeits­or­ga­ni­sa­tion ein­bringt, ist mög­li­cher­weise in den Köp­fen der Poli­ti­ker noch nicht ange­kom­men. Diese Orga­ni­sa­tion steht auch dem poli­ti­schen Betrieb inso­fern dia­me­tral ent­ge­gen, als gerade dort ja eine Per­so­na­li­sie­rung und Zuspit­zung nur auf ein­zelne, iden­ti­fi­zier­bare Men­schen raum­grei­fend ist. Die Ant­wort aus dem Netz – die Kollaborations-Wikis, die Lul­caz und anony­mous, aber auch die S21-Protestbewegung – ist eben der mög­li­cher­weise aus die­sem Betrieb schwer zu begrei­fende Gegentrend.

Wir wer­den ver­mut­lich noch einige Zeit brau­chen, bis das Wis­sen um lose, the­men­spe­zi­fi­sche Zusam­men­ar­beit im Netz in den Köp­fen der Poli­ti­ker ange­kom­men ist. Selbst in der ent­spre­chen­den Enquette-Kommission, wo die Poli­tik ja mit sol­chen Ansät­zen kon­fron­tiert wurde und eigent­lich auch rela­tiv gefahr­los hätte expe­ri­men­tie­ren kön­nen, wur­den diese Ansätze zunächst abgeblockt.

Übri­gens ent­behrt es nicht einer dunk­len Iro­nie, dass gerade ein Autor, in des­sen Dis­ser­ta­tion diverse Pla­giate nach­ge­wie­sen sind, von den Recher­cheu­ren eine nament­li­che Kenn­zeich­nung ihrer Arbeits­leis­tung ein­zu­for­dern ver­sucht, oder?

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3 comments

  1. doncish says:

    Oh ja, das halte ich auch für einen wesent­li­chen — und einen der inter­es­san­te­ren Aspekte — die­ser Debatte. Volle Zustim­mung. Anmer­ken möchte ich aber, obwohl es so auch hier nicht gesagt wurde, dass kol­la­bo­ra­tive Arbeits­for­men nicht in jedem Fall zu objek­ti­ve­ren Ergeb­nis­sen füh­ren, als bis­he­rige Modelle der Arbeits­tei­lung. Hier­ar­chi­sche Modelle mit sicht­ba­ren Köp­fen, die das Ganze steu­ern und die Ergeb­nisse nach außen prä­sen­tie­ren, füh­ren ja auch nicht zwin­gend zu sub­jek­ti­ven Ergeb­nis­sen. Bei aller per­sön­li­cher Begeis­te­rung für kol­la­bo­ra­tive Team­ar­beit im Netz, um objek­ti­vier­bare und nach­voll­zieh­bare Ergeb­nisse muss man sich in jeder Arbeits­or­ga­ni­sa­ti­ons­form bemü­hen — sie ent­ste­hen nicht auto­ma­tisch dadurch, dass die Zuspit­zung auf einen Tal­king Head ent­fällt und die Han­deln­den anonym bleiben.

  2. Due Poli­ti­ker vo heute sind niicht des­halb Poli­ti­ker, weil sie so schlau und umsich­tig sind, son­dern, weil sie von mäch­ti­gen Krei­sen zu Poli­ti­kern gemacht wor­den sind. Diese mäch­ti­gen Kreise ver­fü­gen über Was­ser­trä­ger aller Art, und wer ihnen in die Quere kommt, wird nicht nur mit sau­be­ren Mit­teln von ihnen bekämpft.

    Diese Dinge dürf­ten „Chatzi“ und Co. bekannt sein, und sicher­lich wis­sen „Chatzi“ & Co., dass es abso­lut egal ist, wer Nach­weise für Pla­giate zusammenträgt.

    Ich bin davon über­zeugt, dass es Leute wie „Chatzi“ & Co. aber enorm wütend macht, dass sie denen, die ihre Lügen­e­xis­ten­zen auf­de­cken, nicht unter Aus­nut­zung ihrer Bezie­hun­gen wenigs­tens die Berufs­kar­rie­ren ver­sauen, wenn nicht noch schlim­me­res antun können.

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  1. Her mit Euren Namen

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