Politicians, This Is Your Wakeup Call.

July 20th, 2011 by konrad Leave a reply »

Liebe Poli­ti­ker,

spä­tes­tens durch die Affäre rund um das Vor­ge­hen von News of the World muss es Euch doch offen­sicht­lich gewor­den sein, dass der bis­he­rige Umgang mit den Medien zu einem Risiko wer­den kann. Mit dem von der Poli­tik gesuch­ten Nah­ver­hält­nis zur Presse erge­ben sich zwei­er­lei unter­schied­li­che Abhän­gig­kei­ten: Einer­seits von Jour­na­lis­ten; also jenen Men­schen, die tat­säch­lich berich­ten und deren Auf­gabe es ist, die Emp­fän­ger der Nach­richt auch tat­säch­lich zu errei­chen. Ande­rer­seits ergibt sich aber – und das wird gerade in Eng­land mehr als nur offen­sicht­lich – eine Abhän­gig­keit zu Ver­le­gern, die in ihrer Natur anders ist; offen­sicht­lich gel­ten da noch mal andere Spiel­re­geln. Natür­lich ist mir schon klar, dass die Machen­schaf­ten der News Corp noch mal eine andere Dimen­sion haben als das, was hier­zu­lande so pas­siert. Das aber die Ver­le­ger hier auch Macht nut­zen und auf die Poli­tik ein­wir­ken, kann nie­mand bestrei­ten: Aus­ge­stal­tung Rundfunk-Staatsvertrag (Stich­wort Pres­se­ähn­li­che Ange­bote), „Tagesschau-App“, Leis­tungs­schutz­recht … Alleine in den letz­ten 24 Mona­ten gibt es viele Bei­spiele, wo die Zei­tungs­ver­lage nicht über das, was man gemein­hin als markt­wirt­schaft­li­ches Ver­hal­ten ver­steht, ihr Unter­neh­mens­ziel zu errei­chen und zu sichern suchen.
Es gibt aber einen Aus­weg: Poli­ti­ker kön­nen in mei­nen Augen bald gut ohne Ver­lage exis­tie­ren. Und was kann hel­fen? Das Inter­net! Keine Zei­tung hat mehr Leser als Men­schen online sind: sowohl im Gros­sen (Bund und Län­der) als auch im Klei­nen (Kom­mu­nale Ebene). Das Medium hat also eine Reich­weite, die durch­aus inter­es­sant ist. Nun kann man sagen, nur dass so viele Men­schen im Inter­net sind, heisst ja noch lange nicht, dass sie auch lesen, was man als Poli­ti­ker so im Inter­net zu sagen hat. Das stimmt natür­lich, aber das gilt auch für die Zei­tung: Bloss, dass ein Mensch eine Zei­tung kauft oder im Abo hat, heisst noch lange nicht, dass er jene Arti­kel liest, mit denen der spe­zi­elle Poli­ti­ker jeman­den errei­chen möchte. Wenn der Poli­ti­ker sich aber medi­en­kon­form ver­hält, seine Nach­richt inhalt­lich inter­es­sant und attrak­tiv gestal­tet ist, dann besteht im heu­ti­gen Inter­net eine deut­lich grös­sere Chance dar­auf, dass andere Men­schen seine Nach­richt wei­ter­ver­brei­ten – über soziale Netze wie Face­book, Twit­ter, Google+ oder was gerade aktu­ell ist. Der Sen­der hat zwar nicht mehr die Kon­trolle über die Ver­brei­tung, er hat aber eine grös­sere Kon­trolle über die Bot­schaft: Er muss sich nicht eines Mitt­lers – eben der Jour­na­lis­ten – bedie­nen.
Der grös­sere Schritt im medi­en­kon­for­men Ver­hal­ten ist aber der viel schwie­rige und im Prin­zip auch grund­sätz­li­chere: das Netz nicht als Medium zu ver­ste­hen, mit­tels des­sen man seine Nach­rich­ten ver­brei­tet, son­dern als ein Medium des Dia­logs. Nicht nur zu schrei­ben, son­dern auch zu lesen: den Men­schen zuzu­hö­ren und sie – zum Teil auch in klei­nen Run­den oder gar vir­tu­el­len Ein­zel­ge­sprä­chen – zu über­zeu­gen.
Nun mag man ein­wer­fen, dass man eine Abhän­gig­keit (die von den Jour­na­lis­ten) gegen eine neue (die von sozia­len Netz­wer­ken) aus­tauscht. Diverse Bera­ter mei­nen, dass man unbe­dingt auf einem spe­zi­fi­schen Sys­tem sein muss, um zu kom­mu­ni­zie­ren. Wenn man seine Stra­te­gie auf nur ein Pro­dukt (Twit­ter, Face­book, Xing, MyS­pace) aus­rich­tet, dann ja: dann macht man sich davon abhän­gig. Wenn man aber diese spe­zi­fi­schen Kanäle als nur die jeweils aktu­el­len Sys­teme begreift, die aber inner­halb weni­ger Monate sehr deut­lich an Rele­vanz ver­lie­ren kön­nen, weil ein neues Sys­tem neue, schöne Dinge mit sich bringt, dann rela­ti­viert sich diese Sicht­weise schon. Und wenn man dann meh­rere Kanäle gleich­zei­tig besetzt, gibt es keine ein­zelne Abhän­gig­keit mehr. Und nicht zuletzt ist es im Inter­net ein ein­fa­ches, auch selbst zum Anbie­ter zu wer­den: Blog-Software ist so ein­fach gewor­den, dass man mit nur weni­gen Klicks das tech­ni­sche Sys­tem selbst bereit­stel­len kann, um im Inter­net zu publi­zie­ren. Aber das ist erst der Start­punkt für das neue Aben­teuer. Mit dem Zen­trum der eige­nen Internet-Aktivitäten begibt man sich also in keine Abhän­gig­keit – was man auf sei­ner Web­site, auf sei­nem Blog tut und lässt, liegt vor allem in der eige­nen Hand.
Ich glaube, die Ver­le­ger begin­nen zu ver­ste­hen, dass sich die Welt in diese Rich­tung ändert. Mit des­halb ja ihre Ver­su­che, ihre Rele­vanz auch in die Online-Welt zu über­tra­gen: Und sei es, in dem die Rele­vanz ande­rer Anbie­ter per Gericht oder ein­ge­schränkt wird. Nun ist es an der Zeit, dass die Poli­tik auch zu ver­ste­hen beginnt. Denn der Tag wird kom­men, an dem man sich end­lich von den Rupert Mur­dochs die­ser Welt eman­zi­pie­ren kann.

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